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Tokio – Die beste Stadt für erste Male

Fotos: Inna Hemme, Innasky.com

Mein erster Morgen in Tokio beginnt in einem grauen Hochhaus: Ich krieche durch niedrige Gänge für einen Matcha-Tee und zerschlage riesige Bambus-Stangen mit einem Samurai-Schwert. Jetlag ade!

Ich bin in Hisui Tokyo, einer Multi-Art-Schule, die sich auf das Weitergeben traditioneller japanischer Kultur spezialisiert hat. So kann man hier z. B. die Kunst des Kimono-Bindens und des Schwertführens lernen, aber auch eine Teezeremonie buchen. Denn genau das macht Tokio, mit 38 Millionen Einwohnern im Ballungsraum die größte Metropole der Welt, auch aus: Einerseits von modernster Technologie, verrückten Trends und Schnelllebigkeit geprägt, anderseits wird penibel viel Wert darauf gelegt, die Tradition zu wahren und sich in entsprechenden Berufen jahrzehntelang bis zur Perfektion ausbilden zu lassen. Und weil Platz in Tokio eben knapp ist, befinden sich Teehäuser nicht an idyllischen Seen, sondern auch mal im 8. Stock eines Wohnhauses.

Aber auch hier müssen bestimmte Abläufe eingehalten werden. In den Teeraum gelangt man durch den knapp einen Meter hohen Kriecheingang – obwohl es eine Tür gibt. „So muss sich jeder beugen, ob Gärtner oder König. Das zeigt Demut und Respekt, unabhängig von der gesellschaftlichen Schicht“, erklärt mir die Teemeisterin Fumiko. Auch die Zubereitung des Tees folgt einer genau festgelegten, langen Reihenfolge. Am Ende reicht mir Fumiko eine Schale mit aufgeschlagenem Matcha-Tee und ich muss drei große Schlucke nehmen. Laut schlürfen sei wichtig, sagt sie, denn so zeige man, dass der Tee gut schmeckt. Ach, Japan, wo warst du, als ich fünf war?

Nach dem Tee bekomme ich im Nebenraum ein echtes Samurai-Schwert überreicht. Ich fasse vorsichtig mit der Fingerspitze an die Klinge – und empfinde deutlich mehr Demut als beim Zum-Tee-Kriechen. Als erstes lerne ich die richtige Körperhaltung, übe dann ein paar Schwünge. Nach einer halben Stunde darf ich eine dicke zusammengerollte Bambusmatte mit einem majestätischen Schwung zerschlagen. „Zerteile sie zuerst mit deinen Augen und folge dann mit der Klinge“, lehrt mich der Samurai-Meister Suiju. Danach klopft er mir sichtlich stolz auf die Schulter: „Die meisten brauchen eine Woche dafür. Du bist jetzt eine richtige Japanerin.“

Die traditionelle japanische Teezeremonie ist für den Gast ebenso wie für den Gastgeber eine Übung in Konzentration und Geduld.
Wann und ob man sich in einer Stadt wie Tokio überhaupt heimisch fühlen kann, weiß ich nicht. Was aber schnell feststeht: Hier erlebe ich in kürzester Zeit die meisten Dinge, die ich zuvor noch nie gemacht habe. Ich checke in einem Roboter-Hotel ein, wo mich zwei menschengroße Puppen an der Rezeption empfangen. Sie schauen mich freundlich an, klimpern mit ihren langen Wimpern und erklären, wo ich meine Kreditkarte durchziehen muss, um die Zimmerkarte zu bekommen. Es klappt nicht. Und es muss doch ein echter Mensch mit einem echten Gehirn kommen.

Einen Tag später darf ich dann doch die perfekte Illusion erleben: In den Virtutal-Reality-Parks (z. B. VR Zone Shinjuku) der Stadt retten Besucher eine Katze am Abgrund eines Hochhauses oder fliegen in einem Auto über auseinandergehende Brücken. Es fühlt sich an wie das Leben, das man sich nicht zu leben traut. Und im neuen Digital-Art-Museum, dem Traum aller Instagramer, wird jeder eins mit den Installationen. 500 Computer und Projektoren erschaffen eine wundersame interaktive Welt, die sich ständig verändert. Die Blätter der Blumen fliegen beim Berühren davon, die Farben der Lampen verändern sich je nach eigener Position. Würde man hier den Hauptstecker ziehen, wäre man mit 10.000 Quadratmetern schwarzer Leere konfrontiert.

Auch das Essengehen ist ein Erlebnis. Im Restaurant Zauo sogar ein ziemlich aufwändiges: Hier wird das Dinner in einem großen Becken selbst gefangen und anschließend von den Köchen frisch zubereitet. Gäste sitzen auf einem überdimensionalen Schiff, drumherum schwimmen Brasse, Plunder oder Hummer. Zu meiner Überraschung ist sonst kein einziger Tourist da. Die Japaner haben den Spaß ihres Lebens, machen Fotos und kreischen bei jedem Fang, als würde gerade Justin Bieber hereinkommen. Eine sehr ungewöhnliche Szenerie in einem sonst so ruhigen und zurückhaltenden Japan. Nichts gefangen? Kein Problem. Auf der Karte stehen die besagten Fische entweder frittiert oder gedämpft, aber auch tolle Sashimi-Platten.

Fangfrisch. Zum ungewöhnlichen Konzept des Restaurants Zauo gehört, dass die Gäste ihr Dinner selbst fangen. Doch keine Angst, erfolglose Angler müssen nicht hungrig bleiben. Ganz wichtig in Japan: Gerichte müs- sen abgebildet werden, damit es nicht zu Überraschungen kommt.

Im Ichiran wird Nudelsuppeschlürfen zu einem spirituellen Akt. Zunächst wirkt alles wenig einladend: Eine lange Schlange, die runter zum Keller führt. Dort ein kleiner Vorraum mit zwei Automaten, die mehr oder weniger wie Zigaretten-Automaten aussehen. Dort wählen die Gäste die traditionelle Ramen-Suppe und die Beilagen (wie z.B. extra Schweinebauch-Scheiben, Seealgen oder Ei) und zahlen. Auch die Nudeldicke und den Schärfegrad kann man sich aussuchen. Ab jetzt dauert es nur noch wenige Minuten, bis man den schlauchartigen Essenraum betritt … und staunt. Denn es sieht aus wie in einem Beichtraum! Zumindest sitzen alle abgetrennt voneinander und starren auf die Wand mit einem kleinen Fenster, durch das in wenigen Minuten die Schüssel geschoben wird. Ich sehe dem Koch zwar nicht in die Augen, aber er verbeugt sich nach dem Servieren so tief, dass ich ihn trotzdem im Profil kurz zu Gesicht bekommt. Dann schiebt er die Fensterklappe nach unten und ich genieße die Ramen-Suppe in aller Ruhe für mich allein.

„Konzentrieren Sie sich nur auf das Essen“, steht auf einer Tafel in meiner Kabine. Es war die beste Suppe meines Lebens mit der unspektakulärsten Aussicht meines Lebens (Wand).

Aber nicht immer sollte man sofort zubeißen! In Japan gilt: Nicht alles ist lecker, was glänzt. Manchmal ist es einfach nur Plastik. Schon lange besteht hier die Tradition, das Essen außen in der Restaurantvitrine auszustellen. Entstanden ist diese Tradition bereits 1920, als es noch nicht einmal Farbfotografie gab. Man wollte auf diese Art den Kunden zeigen, was sie am Tisch bekommen werden. Abweichungen vom Ausgestellten galt als Belügen und somit als sehr unhöflich. Heute ist das Fake Food wahre Kunst und so gut gemacht, dass man kaum unterscheiden kann: Was ist echt und was ist Plastik?

Die Herstellung ist ein richtiger Ausbildungsberuf – fast drei Jahre muss man lernen, wie man Essen möglichst echt nachbildet. Auch Außenstehende können diese Kunst ausprobieren, z.B. im Ganso Shokuhin Sample-Ya. In dem Traditionsbetrieb (300 Mitarbeiter) wird seit 80 Jahren Fake Food hergestellt. Yoko Kumanaka zeigt bei einem Workshop, wie eine Tempura-Garnele und ein Salatkopf gemacht werden. Dafür muss geschmolzenes gefärbtes Wachs in ein 42 Grad warmes Wasser gegossen werden und zwar in einem jeweils unterschiedlichen Muster. Danach ist viel Fingerfertigkeit gefragt. Wie das Fake Food bestellt wird? Restaurants kommen mit ihrem echt gekochten Gerichten in den Laden, alles wird mit Silikon nachmodelliert und die genauen Farben festgehalten. In zwei Wochen holen sie ihr Plastikessen wieder ab und stellen es in die Glasvitrine. Sternerestaurants bestellen nie Fake Food. Da muss der Kunde einfach Vertrauen haben.

An meinem letzten Tag wage ich mich im Stadtteil Shibuya an die größte und berühmteste Kreuzung der Welt. Hier ist alles echt: Bei Grün strömen Fußgänger in alle Richtungen – auch diagonal – über die Zebrastreifen. Bis zu 15.000 Menschen pro Ampelphase. Ich bitte eine Freundin von der ersten Etage eines gegenüberliegenden Cafés ein Bild zu machen und bleibe in der Mitte (also allen anderen im Weg) stehen. Und werde kein einziges Mal angerempelt.

Und so kommen Sie nach Tokio:
Flüge: mit der japanischen Fluggesellschaft ANA () nach Tokio-Narita ab 625 Euro/hin und zurück via Frankfurt.
Übernachten: Im schicken mit einem tollen Blick auf die Skyline Shinjukus ab 138 Euro/p.P. im DZ, im lässigen mit individuell designten Zimmern ab 70 Euro/p.P. im DZ oder im Roboterhotel ab 30 Euro/p.P. im DZ (sauber und sogar ganz cool).
Allgemeine Infos: www.gotokyo.org/de

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