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Trailrunning – Die neue Lifestyle-Sportart Wenn es einfach wäre, würde es "Fußball" heißen

Foto: simonkr / iStock

Es ist Samstag, der 8. Juni, 13:48 Uhr. Wahrscheinlich läuft gerade irgendein Fußballspiel im Fernsehen. Aber ich habe keine Chance, es anzuschauen. Nicht nur, weil ich seit acht Jahren überhaupt keinen Fernseher mehr besitze. Sondern vor allem deshalb, weil ich nicht auf der Couch hocke, einen Kaffee schlürfe und durch das Nachmittagsprogramm zappe. Sondern seit genau sechs Stunden und 48 Minuten auf schmalen, überwucherten Pfaden wie ein Verrückter durchs Unterholz renne – im Pfälzerwald, dem größten zusammenhängenden Waldgebiet Deutschlands – und versuche, mich nicht zu verlaufen.

Die Tatsache, dass hunderte andere Läufer heute das gleiche tun, zeigt, dass das Ganze nicht ganz so verrückt ist, wie es klingt. Die Veranstaltung, an der ich teilnehme, ist die Deutsche Meisterschaft im Ultratrail. Dafür wurde in diesem Jahr eine besonders brutale Strecke über insgesamt 78 Kilometer ausgewählt, auf der rund 3000 Höhenmeter zusammenkommen, was in etwa der Höhe der Zugspitze entspricht. Die „Ausschilderung“ erfolgt durch rot-weißes Flatterband, das im Abstand von wenigen hundert Metern an Büschen und Bäumen angebracht ist. Es erfordert ständige Konzentration, nicht vom Weg abzukommen, da man über weite Strecken außer Sichtweite anderer Teilnehmer läuft und auf sich allein gestellt ist. Gleichzeitig ist bei jedem Schritt auf die Trittsicherheit am Boden zu achten, damit man nicht über die nächste Wurzel stürzt.

Man könnte nun fragen: Was bewegt jemanden dazu, so eine Sportart auszuüben? Die Zecken, die man sich in den Büschen und Wiesen einfängt, sind es sicher nicht. Wahrscheinlich ist es auch nicht die Aussicht auf drei Tage straffen Muskelkater nach einem solchen Rennen. Und erst recht nicht der ständige Balanceakt, nicht umzuknicken, zu stürzen oder sich anderweitig an Füßen, Knöcheln oder Knien zu verletzen.

Foto: Marko Gränitz

Man könnte meinen, Trailrunner tickten anders als „normale Menschen“, die entweder nur beim Sport zuschauen (womit wir wieder beim Thema Fußball wären) oder es allenfalls zwei- bis dreimal pro Woche für eine halbe Stunde aufs Laufband oder eine Runde um den Häuserblock schaffen. Wobei sich die Frage stellt, was „normal“ bedeutet. Ist denn nicht eigentlich gerade die Zeit in der Natur, auf weichem Waldboden und in beruhigend grüner Kulisse, begleitet von entspanntem Vogelgezwitscher, das natürlichste der Welt!?

Genau dieses echte Naturerlebnis ist wohl auch der Grund, weshalb Trailrunner selten ihren inneren Schweinehund überwinden müssen, um zu trainieren. Ganz im Gegenteil: Die meisten Läufer freuen sich schon den ganzen Tag, während sie im Büro hocken und auf Bildschirme starren, auf Wald und Wiese. Das Laufen in der Natur abseits asphaltierter Straßen und dem Trubel der Stadt macht den Kopf frei und erfrischt den Körper, so dass man sich danach fast immer besser fühlt als zuvor. Das geht so weit, dass inzwischen auch Ärzte dazu raten, lieber mal öfter im Wald joggen oder spazieren zu gehen, statt Medikamente zu schlucken. Erste Studien dazu zeigten bereits, dass sich diese ganz natürliche „Medizin“ positiv auf Blutdruck, Stresshormone und Immunsystem auswirkt und sogar dabei helfen kann, Entzündungen im Körper zu reduzieren. Ein gesunder Lifestyle-Sport also, der Spaß macht und gut für Körper und Kopf ist. Wobei diese positiven Aspekte eher für das alltägliche Training gelten und nicht für Wettkämpfe, bei denen man sich bis zur körperlichen und mentalen Grenze verausgabt.

Foto: Marko Gränitz

Also zurück zur Realität – und die sieht weniger gesund aus, denn meine Beine sind Matsch. Die Muskulatur in den Oberschenkeln und Waden wurde von den steilen Bergauf-Passagen zerstört – die teils nur durch zusätzliches Heraufziehen an den dort befestigten Seilen zu erklimmen waren –, aber auch vom schnellen Laufen auf den Bergab-Passagen, die wiederum teils so steil sind, dass man ständig bremsen muss, um überhaupt heil nach unten zu kommen. 

Zudem sind die Beine zerkratzt von den Büschen, Brennnesseln und Gräsern, die viele Trails überwuchern, aber über solche Kleinigkeiten machen sich wohl die wenigsten Teilnehmer Gedanken.

All diese Dinge sind es, die Trailrunning so wunderschön (und manchmal zugleich so grausam) machen. Wir werden zurückversetzt in unsere frühere Lebensumgebung, verbringen Zeit im Einklang mit der Natur und fühlen uns trotz – oder gerade wegen – aller Anstrengungen und Unannehmlichkeiten, die die Wildnis eben mit sich bringt, innerlich wohl und zufrieden. Es ist der krasse Gegensatz zum modernen Leben, in dem vieles geordnet und steril abläuft.

Wie früher als Kinder begeben wir uns auf echte Abenteuer, streifen über Wiesen und durch Wälder, begeben uns fernab jeglicher Zivilisation, spüren starken Hunger und Durst, entdecken neue Pfade und sind auf uns allein gestellt – und am Ende jedes Mal froh, wieder heil zu Hause anzukommen, ein Dach über dem Kopf zu haben und genug essen und trinken zu können. Vielleicht ist es diese Erkenntnis, die Trailrunning so besonders macht: Dass es nicht viel mehr braucht als die absoluten Grundbedürfnisse, um sich wirklich glücklich und zufrieden zu fühlen!

Und dann kommt es, irgendwo bei Kilometer 70, das Schild, an dem heute wohl jeder Teilnehmer schmunzeln muss: „Wenn es einfach wäre, würde es ‚Fußball‘ heißen“. Natürlich ist klar, dass auf dem Fußballplatz selbst die besten Trailrunner keine Chance gegen Profi-Fußballer hätten. Umgekehrt könnten auch die besten Fußballer nicht an der Spitze eines Ultratrails mithalten. Aber darum geht es auch gar nicht. Solche kleinen Gimmicks des Veranstalters stehen für die besondere, einzigartige und oft familiäre Atmosphäre bei Trail-Läufen, fernab der Massenmedien und großen Stadien. In diesem Moment fühlt es sich gut und richtig an, dass dieser Sport eben kein Milliardengeschäft ist wie Fußball. Denn genau das hätte die einzigartige Atmosphäre des Trailrunning zunichte gemacht.

Doch das bedeutet nicht, dass Trailrunning eine totale Außenseiter-Sportart ist. Denn inzwischen tummeln sich auch hier bekannte Sportmarken wie Salomon, adidas und Saucony. Das weltweit größte Event, der Ultra-Trail du Mont-Blanc (UTMB), sowie seine Parallelveranstaltungen im französischen Chamonix zogen in der letztjährigen Rennwoche fast 10.000 Teilnehmer aus über 100 Nationen an. Wobei der Veranstalter bei über 20.000 Voranmeldungen aus Kapazitätsgründen ein Limit setzen musste. Ein echtes Spektakel also. Daneben sind Events wie der Western States Endurance Run in Kalifornien, der Transvulcania auf La Palma oder mit Abstrichen der Zugspitz Ultratrail durchaus Großereignisse, die es auch in die Mainstream-Medien schaffen. Insgesamt gehen die Teilnehmerzahlen von Jahr zu Jahr deutlich nach oben, so dass manches Rennen bereits frühzeitig ausgebucht ist oder man sich wie beim UTMB und Western States erst qualifizieren muss. Tatsächlich ist Trailrunning also zu einer echten Trendsportart geworden. 14.23 Uhr. Die „grüne Hölle“ spuckt mich wieder aus. Es sind jetzt noch knapp 2 km bis ins Ziel im kleinen Ort Reichweiler, in dem wir heute am frühen Morgen gestartet sind. Im Ziel gibt es später eine kleine Siegerehrung mit Medaille, Urkunde und Händedruck. Dann ein Foto für die Presse, und fertig. Keine Preisgelder, keine Trophäen und ganz sicher auch keine Champagner-Dusche. Stattdessen lieber eine richtige Dusche. Mit richtigem, kaltem Wasser, wenn man zu spät kommt.

Begriffsdschungel Viele Menschen kennen den klassischen Marathon über die Distanz von 42,195 km. Als Ultralauf gelten grundsätzlich alle Distanzen, die darüber hinaus gehen, wobei es nach oben hin keine wirkliche Grenze gibt. Als Ultratrails werden diejenigen Ultraläufe bezeichnet, die überwiegend auf naturbelassenen Pfaden stattfinden, etwa in Wäldern oder in alpinem Gelände.

Tipp: Trail-Magazin Das Magazin erscheint 6 Mal im Jahr und liefert hautnahe Wettkampfberichte, Interviews sowie Fachbeiträge über Trainingsmethoden und Ausrüstung. Weitere Informationen unter www.trail-magazin.de

Ultra-Trail World Tour Die diesjährige Ultra-Trail World Tour besteht aus insgeamt 20 Rennen, in denen sich die wenigen Profis dieser aufstrebenden Sportart mit unzähligen Hobbyathleten messen. Neben diesen Rennen, bei denen zum Teil tausende Läufer starten, gibt es auch in Deutschland viele kleine Events, die nach wie vor einen familiären Charakter haben. Ein Veranstaltungskalender ist zum Beispiel auf www.trailrunning.de zu finden.

Dr. Marko Gränitz ist Deutscher Meister seiner Altersklasse im Ultratrail. Zuvor war er als Triathlet aktiv und startete unter anderem beim Ironman Hawaii. Unterstützt wird er vom Broker WH SelfInvest als Hauptsponsor.

 

 

 

 

Weitere Infos unter:www.bike-run-fun.de

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