Select Page

Zeitenwende bei den Zinsen

Foto: smodj / iStock
Die Weichen in der Welt der Finanzen werden neu gestellt‚ die Zeit des billigen Geldes endet. An Chancen mangelt es dennoch nicht – zumal von einem Zinsschock keine Rede sein kann. Das Derivate Magazin zeigt, wie Anleger die Zinswende meistern könnten.

Steigende Zinsen und anziehende Inflationsraten: Das ist ein Szenario, das viele Anleger nur noch aus der Theorie kennen. Nun stehen die Zeichen auf Umbruch‚ das Ende einer Ära scheint eingeläutet. Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen lag im März bei über 2,8 Prozent – so hoch wie seit rund vier Jahren nicht mehr. Die 35-jährige Kursrallye bei Anleihen ist vorbei.

An den Aktienmärkten schürt dies Befürchtungen, dass steigende Zinsen und eine beschleunigte Inflation in diesem Jahr die Kaufkraft der Konsumenten schwächen und somit die Erträge der Unternehmen unter Druck bringen könnten.

Eine schnelle Beruhigung der Lage ist nicht absehbar, zumal sich die amerikanischen Währungshüter längst von der Politik des billigen Geldes verabschiedet haben – was die Renditen ebenfalls anziehen lässt. Die US-Notenbank Fed etwa befindet sich seit 2015 im Zinserhöhungszyklus, Mitte März haben die Notenbanker unter Leitung ihres neuen Vorsitzenden Jerome Powell zum sechsten Mal seit Ende der Rezession den Leitzins auf eine Spanne von nun 1,5 bis 1,75 Prozent angehoben.

Wie viele Ängste sollten sich die Märkte über die steigenden US-Zinsen machen‚ fragte die DWS kürzlich – und lieferte die Antwort gleich mit: „Nach der jüngsten Zinserhöhung durch die Fed bleiben wir dabei: Nicht allzu viele“‚ prophezeit Johannes Müller‚ Head Macro Research bei der DWS, und erwartet zwei weitere Zinsschritte im laufenden Jahr sowie drei für 2019.

Besorgte Börsianer

In Europa ticken die Uhren – noch – anders. „Vermutlich hat es die Europäische Zentralbank angesichts der neuen Risiken nicht eilig, sich bezüglich ihres konkreten Vorgehens beim Kaufprogramm zu offenbaren“, sagt Helaba-Rentenexperte Ulf Krauss mit Blick auf Europa. Gleichwohl geht er davon aus, dass das Thema Zinswende 2019 bei den Anlegern verankert bleiben dürfte. Der Markt nimmt das zum Teil schon jetzt vorweg. Obwohl die EZB ihre Leitzinsen zuletzt auf Niedrigniveau hielt, ist die Verzinsung langfristiger Anleihen und Kredite bereits gestiegen. Auch die Anleiherenditen weisen selbst hierzulande nach oben. Die zehnjährige Bundesanleihe rentierte Ende März mit 0,52 Prozent. Noch im Dezember waren es nur 0,3 Prozent. Im August 2016 lag sie gar in negativem Terrain. Anleger erfüllt dies mit Sorge, denn steigende Zinsen können erhebliche Folgen für Anleihen mit sich bringen. Denn neu ausgegebene Bonds weisen dann eine höhere Verzinsung auf als bereits im Umlauf befindliche, deren Kurs folglich fällt. Werden sie vor Fälligkeit verkauft, drohen Kursverluste. „Die Anleihen werden den Rückenwind verlieren, der sie dreißig Jahre lang gestützt hat“, glaubt Tim Haywood, Manager für Anleihefonds beim Schweizer Vermögensverwalter GAM.     Börsianer blicken mit Argusaugen auf die Entwicklung der Zinsen. Steigende Sätze gelten gewöhnlich als Gift für Dividendentitel, weil sie signalisieren, dass Geld rarer und damit teurer wird. Gegenwind dürften vor allem Immobilienkonzerne bekommen, die häufig eine hohe Verschuldung aufweisen, über die sie ihre Wohn- oder Gewerbeimmobilien finanzieren. Die Zinskosten, die bei Refinanzierungen künftig steigen dürften, knabbern dann zunehmend an den Gewinnen.

Banken sehnen Zinserhöhung herbei

Andere Branchen begrüßen die Zinswende‚ allen voran die Banken. Die Magerkost bei den Zinsen ließ den Finanzhäusern die Erträge wegbrechen. Da sie in der Regel Geld längerfristiger verleihen, als sie es selbst finanzieren, profitieren sie von steigenden langfristigen Sätzen. Gleichwohl sehnt die Branche die erste Zinserhöhung der EZB herbei. Deutsche-Bank-Chef John Cryan beziffert allein den Ertragseffekt einer Erhöhung um einen Prozentpunkt für sein Haus auf 1,4 Milliarden Euro im ersten Jahr. Auch die Assekuranz wird teilweise aus ihrem Anlagenotstand befreit und kann mit Investitionen in „sichere“ Staatsanleihen zumindest wieder kleine Profite einfahren.

Zyklische Branchen könnten gewinnen

Da steigende Zinsen meist mit einer robusten Wirtschaft einhergehen, zählen zu Beginn einer Zinswende auch zyklische Branchen wie etwa Industrie oder Automobile zu den Gewinnern. Das Kalkül: Brummt die Konjunktur, steigt die Bereitschaft von Großkunden, lang aufgestaute Investitionen in die Fahrzeugflotte, Chemikalien oder Turbinen zu bewilligen.

Auch Schwellenländeranleihen in Lokalwährungen gelten als attraktive Anlagealternative in Zeiten steigender Zinsen. Zum einen liegen die Coupons im Schnitt zwischen sieben und acht Prozent bei Anleihen von supranationalen Emittenten mit einem AAA-Rating – also bester Bonität –, zum anderen sind diese Bonds teils sehr günstig bewertet, nachdem sich die Währungen stark abgewertet haben und/oder das Zinsniveau deutlich gestiegen ist. Michael Merz, Leiter Anleihefonds beim Vermögensverwalter StarCapital‚ hält auf dem aktuellen Niveau etwa den mexikanischen Peso und den russischen Rubel für interessant. Von langfristigen Staatsanleihen aus Industrienationen rät er hingegen ab. Aus seiner Sicht gibt es im Euroraum keine attraktiven Staatspapiere, auch nicht in den Peripherieländern. „Die Bonds sind zwar gut gelaufen, aber das liegt vor allem daran, dass die EZB diese Papiere in großem Stil kauft und dadurch die Renditen nicht dem fundamental gerechtfertigten Niveau entsprechen“, meint Merz.

Immun gegen steigende Zinsen

Auch so genannte Floating Rate Notes sind immun gegen steigende Zinsen. Denn ihr wesentliches Merkmal ist ihre variable Verzinsung‚ die sich an einem Geldmarktzins wie dem Euribor orientiert. Steigt dieser, passt sich die Verzinsung der im Fachjargon als Floater bezeichneten Anlagevehikel in regelmäßigen Abständen an. Hinzu kommt ein Aufschlag, der abhängig ist von der Bonität des Emittenten und der Restlaufzeit. Während die Zinskomponente eines Floaters das Zinsrisiko weitestgehend eliminiert, lässt sich mit der Kreditprämie eine Mehrrendite erzielen.

Die Lösung: Indexfonds

Wer Kursrückgänge bei Anleihen in Gewinne ummünzen möchte, findet in Short-ETFs die passenden Anlageinstrumente. Diese börsengehandelten Indexfonds entwickeln sich nämlich spiegelverkehrt zum Bund-Future‚ dem Gradmesser für den Kurs deutscher Staatsanleihen. Risikofreudige Investoren können auch gehebelt am fallenden Bund-Future verdienen (siehe Tabelle).

ETFs, die von einer möglichen Zinswende profitieren könnten

Emittent Name WKN Kurs
iShares $ Floating Rate Bond A2DS7X 4,06
ComStage Bund Future Short ETF562 59,64
Lyxor Daily Double Short Bund LYX0FW 35,82
Xtrackers Global Inflation-Linked Bond DBX0AL 226,14
Lyxor STOXX Europe 600 Automobiles & Parts LYX0AN 71,54
iShares Stoxx Europe 600 Banks A0F5UJ 16,96
Stand: 27.03.2018; Quelle: Onvista

Geht es nach Johannes Müller von der DWS‚ müssen Zinserhöhungen nicht zwangsläufig schlecht für die Finanzmärkte sein – nämlich dann‚ wenn sie vor dem Hintergrund eines soliden Wirtschaftswachstums und eines gemächlichen Anziehens der Inflation stattfinden. „Unser Grundszenario sieht die Renditen von zehnjährigen US-Staatsanleihen auf 12-Monats-Sicht bei 3,25 Prozent“‚ sagt Müller – und räumt ein: „Auf dem Weg dorthin könnten sich die Märkte allerdings noch ziemlich wankelmütig zeigen.“