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Künstliche Intelligenz Fluch oder Segen für die Menschheit?

Foto: metamorworks / iStock

Autonom fahrende Autos, selbstlernende Roboter, kommunizierende Maschinen oder Haushaltsgeräte – das ermöglicht die Künstliche Intelligenz. Sprachassistenten, die die Wettervorhersage durchgeben, Übersetzungsprogramme oder eine Online-Filmempfehlung – all das sind heute bereits Begleiter, auf die viele Menschen nicht mehr verzichten möchten. Doch wie funktioniert diese Technik und wie wirkt sie sich auf unsere Gesellschaft aus, wenn die Menschheit immer mehr auf intelligente Systeme vertraut und sich bei ihren Entscheidungen beeinflussen lässt? Werden mit Künstlicher Intelligenz Träume wahr oder entwickelt sie sich zum Albtraum?

Es klingt wie aus einem Science-Fiction-Film: Unilever, einer der größten Hersteller von Verbrauchsgütern wie Nahrungsmittel, Kosmetik und Haushaltsprodukte, beabsichtigt, eine Vorreiterrolle in Sachen Zukunftstechologie einzunehmen und macht sich Künstliche Intelligenz (KI) zunutze. Der niederländisch-britische Konzern will mit einem neuen System im Recruiting von Mitarbeitern Zeit sparen und Fehlbesetzungen sowie Bevorzugungen durch menschliche Vorurteile vermeiden.

Dazu filmen sich Bewerber per Video-Call mit Smartphone oder Laptop bei der Beantwortung von Fragen zum möglichen neuen Job. Das Besondere dabei ist, dass ein Algorithmus die Sprache, den Tonfall und die Mimik des Bewerbers aufzeichnet und diese Ergebnisse dann mit den Daten von bereits erfolgreich arbeitenden Mitarbeitern vergleicht. Wie bei einem Verhör mit Geheimdienstmitarbeitern werden rund 25.000 Informationen wie der Gesichtsausdruck, Gesten, Ausdrucksweisen und sprachliche Fähigkeiten analysiert, berechnet und berücksichtigt. Bei einer Übereinstimmung geht die KI davon aus, dass es sich um geeignete Bewerber handelt. Fällt der Vergleich negativ aus, wird dem Interviewten sehr schnell abgesagt. Mit diesem System sollen zwei Vorteile zum Tragen kommen: Objektivität und Schnelligkeit – so zumindest preisen die Entwickler der US-Firma Hirevue diesen KI-Algorithmus an.

Doch es gibt auch Gegenstimmen, die zum Beispiel kritisieren, dass eine derartige Technologie eingebaute Vorurteile habe und Kandidaten diskriminieren könnte. So soll die Software Personen bevorzugen, die generell bei Interviews gut sind. Helle Augenbrauen könnten von der Maschine möglicherweise nicht gut identifiziert und entsprechende Gesten nicht erkannt werden. Doch gerade Gesten und Emotionen sind ein entscheidender Teil bei der Gesichtsfeldanalyse. Dagegen könnten Gesten bei Personen mit dunklen Augenbrauen übertrieben interpretiert werden. Darüber hinaus soll es Menschen geben, die bei Videoaufnahmen nervös werden und sich vor der Kamera anders verhalten als sonst.

Eines unter Milliarden
Auch die automatisierte Gesichtserkennung breitet sich rund um den Globus aus. Die Fähigkeit zum Erkennen und Unterscheiden von Gesichtern erwirbt der Menschen normalerweise innerhalb der ersten Lebensmonate. So interessieren sich schon Neugeborene mehr für Gesichter oder Gesichter ähnelnden Objekten als für anderes.

Im technischen Zusammenhang zählt die Gesichtserkennung zu den biometrischen Verfahren. Hier wird sie sicherheitstechnisch, kriminalistisch und forensisch zur Identifikation oder Authentifizierung natürlicher Personen eingesetzt. Das heißt, sie dient als Zutrittskontrolle zu sicherheitsempfindlichen Bereichen und zur Suche nach Dubletten in Datenbanken, beispielsweise in Melderegistern, zur Vermeidung von Identitätsdiebstahl.

Bereits im Jahr 2011 wurde während des Rheinkulturfestivals in Bonn ein Projekt gestartet, das eine Gesichtserkennung der Festivalbesucher ermöglichte. Über hochauflösende Fotos der Feierwütigen wurden die Gesichter mithilfe der Gesichtserkennung von Facebook identifiziert und anschließend mit ihren Facebook-Profilen verknüpft. Ist das besorgniserregend? Zumindest ist nicht ganz klar, ob damit wirklich jeder einverstanden war.

Ein weiteres Beispiel: Die russische App FindFace benötigt nur ein Foto von einer Person, um genau diese Person dann im Internet in sozialen Netzwerken wiederzufinden. Entsprechend könnte das System dafür eingesetzt werden, um zum Beispiel Personen, die sich in einem Geschäft für ein Produkt interessieren, später gezielt Werbung im Internet zustellen zu können. Gefährlich würde es dann werden, wenn Privatpersonen Fotos von Unbekannten machen, um diese per App im Internet auszuspionieren. Dies war sicherlich nicht der Grund für die Erfindung des Programms, dennoch wurde dieses Risiko scheinbar bewusst in Kauf genommen.

Neue Verbrecherjagd
Doch Gesichtserkennung kann auch allgemein hilfreich eingesetzt werden. 2018 wurde in China bekannt, dass bei einem Pilotprojekt am Bahnhof von Zhengzhou die Polizei Sonnenbrillen mit einer Gesichtserkennungs-Software verwendet hat. Innerhalb von Sekunden konnten Gesichter mit einer Verbrecherkartei abgeglichen und auf diese Weise zahlreiche Kriminelle festgenommen werden.

Kritiker dieser Technologie weisen auf die starken Eingriffe in die Privatsphäre hin und warnen vor dem Missbrauch für Massenüberwachung. Die Stadt San Francisco beispielsweise beschloss im Mai 2019, ihren Behörden und der Stadtpolizei den Einsatz von Gesichtserkennungstechnologie zu verbieten. San Francisco wollte an dieser Stelle als „Tech-Hauptquartier“ Verantwortung übernehmen und diese Technologie zum Schutz der Bürgerrechte zunächst genau regulieren.

Fleißige Helferlein
Trotz vieler Bedenken ist Künstliche Intelligenz derzeit die angesagteste Trendtechnologie der Digitalisierung. Beinahe unbemerkt hat sie sich in vielen Varianten breit gemacht und bereits einen festen Platz im Alltag gefunden.

Facebook, aber auch andere Social-Media-Plattformen nutzen das Potenzial der intelligenten Technologie mit Hilfe von „Gefällt-mir“-Angaben, „Likes“ oder „Following“-Optionen und ziehen Rückschlüsse darauf, welche Posts oder Werbung individuell interessant sein könnten.

Ein weiterer wichtiger Einsatzbereich sind Chatbots, also Computerprogramme, die sich mit Menschen unterhalten und ihre Fragen beantworten. Sprachassistenten wie Apples Siri oder Amazons Alexa lernen mit jedem Gespräch hinzu und passen sich der Sprache und Wünsche des Nutzers an. Zuhause können Chatbots auf Befehl die Lichtverhältnisse und die Temperaturen anpassen, Rollläden schließen und automatisch Kaffee kochen lassen. Doch erst mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz wird das Smart Home richtig smart, zum Beispiel, wenn genügend Daten über die Bewohner gesammelt wurden und die KI die Temperatur, Beleuchtung und selbständig aufgenommene Lieblingsserie nach individuellen Vorlieben automatisch anpassen, einstellen oder abspielen kann.

Das US-Marktforschungsinstitut Gartner hat für den aktuellen „Hype Cycle for Emerging Technologies“ mehr als 2.000 einzelne Technologien untersucht und leitet daraus fünf Megatrends ab. 2019 kreisen diese um das Zusammenwirken von Mensch und Maschine. Die Analysten unterteilen die Nutzung jeder Technologie in fünf Phasen: Zunächst gilt die Lösung als Innovations-Trigger, die mit dem ersten Einsatz überzogene Erwartungen auslöst (Phase 2). In Phase 3 folgt der Absturz in die Desillusionierung. Im Anschluss wird die Technologie nüchtern abgewogen (Phase 4) und kann schließlich in Phase 5 ihr volles Potenzial entfalten. Dabei beziehen die Analysten ihre Voraus- sagen auf maximal zehn Jahre. Entscheidend für den Unternehmenserfolg ist laut Gartner der Einsatz hochentwickelter Systeme Künstlicher Intelligenz.

In Medizin und auf der Straße
Auch wenn das autonome Fahrzeug auf unseren Straßen noch Zukunftsmusik ist, gibt es schon heute einige Funktionen, die das Fahren mit KI deutlich erleichtern. Automatische Einparkhilfe und Verkehrsschild-Erkennung, Notbremsassistent oder Abstandsregler helfen, Situation richtig einschätzen zu können und sind aus dem Straßenverkehr nicht mehr wegzudenken.

Darüber hinaus unterstützt die neue Technik dabei, mit intelligenten Navigationsgeräten und Echtzeitinformationen Staus, Baustellen, Straßensperrung usw. besser zu interpretieren, um vor Verspätungen zu warnen oder die besten alternativen Routen zu bestimmen.

Ein weiteres wichtiges Einsatzgebiet für Künstliche Intelligenz ist die Medizin. Im Gegensatz zu einem Arzt kann ein intelligentes Programm Krankheitssymptome, Röntgenbilder oder Krankenakten in Sekundenschnelle mit einer riesigen Menge Informationen vergleichen und so genau feststellen, welche Krankheit der Patient hat. Intelligente Algorithmen können mittlerweile die Wahrscheinlichkeit einer Diagnose für Lungenentzündung, Krebs, Tuberkulose oder Ödeme berechnen und schon sehr bald Ergebnisse für die Früherkennung von Parkinson liefern.

Bereits heute entscheiden Algorithmen über Kredite, Versicherungsrisiken und über die Bewertung von Mitarbeitern. Ton- und Videoaufnahmen lassen sich perfekt fälschen und Fake News effektiv verbreiten. Das Wahre vom Unwahren zu unterscheiden, wird immer schwieriger. Die Arbeitswelt soll effizienter werden, viele Berufe werden dadurch überflüssig. Das zeigt sich zum Beispiel im ersten smarten Restaurant in Peking. Bestellungen werden hier per Tablet an die KI übermittelt, die wiederum kleine Roboter zum Vorbereiten und Servieren losschickt.

Schwach oder stark
Ganz allgemein spricht man in der Informatik von Künstlicher Intelligenz, wenn ein Programm lern- bzw. anpassungsfähig ist und Probleme eigenständig zu bearbeiten weiß. Zu den meistbeachteten Erfolgen der KI gehören sicherlich der Sieg des IBM-Computers Deep Blue gegen den damaligen Schachweltmeister Garri Kasparow im Jahr 1997 oder aber der Sieg des von der Carnegie Mellon University entwickelten Libratus gegen vier der weltbesten Pokerprofis im Jahr 2017.

Hierbei handelte es sich jedoch lediglich um die sogenannte „schwache“ Künstliche Intelligenz mit der nur klar umrissene Aufgaben gelöst werden können. Sie erreicht oder übertrifft jedoch bereits die menschliche Intelligenz in abgegrenzten Teilbereichen. Letztlich geht es bei ihr um die Simulation intelligenten Verhaltens mit Mitteln der Mathematik und der Informatik und nicht um die Schaffung von Bewusstsein oder um ein tieferes Verständnis von Intelligenz.

Dagegen agiert die „starke“ Künstliche Intelligenz auf Augenhöhe mit Menschen und unterstützt diese bei schwierigen Aufgaben. Sie wird vermutlich keine Gefühle wie Liebe, Hass, Angst oder Freude besitzen. Sie wird derartige Gefühle jedoch mit einem entsprechenden Verhalten simulieren können – ähnlich wie die Figuren aus den Hollywood-Blockbustern „Terminator“, „AI“ oder „I, Robot“.

Die „starke“ Künstliche Intelligenz wird beispielsweise bei Verfahren des maschinellen Lernens eingesetzt und extrahiert Muster anhand von Modellen aus großen Mengen historischer Daten. Mit anderen Worten: Diese Modelle können Daten interpretieren oder Voraussagen für Empfehlungen, Warnungen oder Entscheidungen generieren. Hier reichen die Anwendungen von intelligenten Datenüberwachungssystemen über assistierende Systeme bis hin zu autonom handelnden Systemen. Beispielsweise werden im Zuge der Industrie 4.0 Industrieroboter so miteinander vernetzt, dass Produktionsprozesse aufgrund aller analysierten Daten eigenständig optimiert werden. Sozialroboter können mit Senioren im Pflegeheim kommunizieren und sie zu Aktivitäten animieren. Serviceroboter überwachen den Heilungsverlauf von Patienten und erleichtern die mühsame Alltagsarbeit.

Chance oder Gefahr
Künstliche Intelligenz steckt in viel mehr Dingen, als es häufig den Anschein macht. Doch bisher ist sich das Gros der Forscher nicht einig, ob KI eine Chance oder eine Gefahr für die Menschheit ist.

Der verstorbene Physiker Stephen Hawking befürchtete, dass die Zeit kommt, in der hochentwickelte Maschinen die Menschheit ersetzen: „Wenn Menschen Computerviren schaffen, wird irgendwann auch jemand Künstliche Intelligenz schaffen, die sich selbst vermehren kann.“

Tesla-Chef Elon Musk bläst ins gleiche Horn: „Merkt euch meine Worte. Künstliche Intelligenz ist sehr viel gefährlicher als Atomwaffen.“ Musk warnte ausdrücklich vor möglichen Gefahren im Zeitalter von Big Data, wie sie bereits in George Orwells Roman „1984“ unter dem Leitmotiv „Big Brother is watching you“ oder in Dave Eggers Roman „The Circle“ thematisiert wurden.

Dagegen begrüßt Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer und Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger, die zunehmende Digitalisierung und die Fortschritte bei der künstlichen Intelligenz. Für ihn sind die Digitalisierung und das Internet die größten Geschenke, die der heutigen Generation gegeben wurden, weil diese neue Teilhabe versprechen. Ihm ist wichtig, der Digitalisierung positiv zu begegnen, sie als Chance und nicht als Bedrohung zu definieren. „Sonst, so fürchte ich, findet der Wohlstand der Zukunft in Asien und Nordamerika statt.“

Das Spiel mit der Macht
Ganz gleich, welche Meinung auch vertreten wird, die Entwicklung zu einem vermehrten Einsatz Künstlicher Intelligenz ist nicht mehr aufzuhalten. Im Gegenteil! Sie wird künftig den Alltag bestimmen und die Weltwirtschaft deutlich verändern, schlussfolgert eine globale Studie von PricewaterhouseCoopers.

Aus ihr geht hervor, dass die deutsche Wirtschaft aufgrund der Künstlichen Intelligenz bis zum Jahr 2030 um mehr als elf Prozent oder 430 Milliarden Euro wachsen wird. Hierbei sollen vor allem die Automobil- und Gesundheitsbranche zu den größten Profiteuren gehören. Im gleichen Zeitraum soll das weltweite Wachstum durch den Sektor Künstliche Intelligenz sogar um 14 Prozent, also 15,7 Billionen Dollar, wachsen.

Festzuhalten bleibt: Die Welt befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Die Digitalisierung schreitet voran und bahnbrechende Entwicklungen auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz eröffnen völlig neue Möglichkeiten. Möglichkeiten, die ein jeder für sich optimal nutzen könnte. Schließlich führt derzeit kein Weg an KI vorbei.

Es liegt in der Hand richtungsweisender Regierungsapparate und Unternehmen, die hoffentlich gewissenhaft mit der neuen Macht umgehen, die ihnen von Forschern und Erfindern gegeben wird. Doch das bedeutet zugleich, faszinierenden Verlockungen zu widerstehen und nicht immer dem Ruf des Profits zu folgen. Auch wenn Warnungen und Ängste vor einem Technologiemissbrauch noch verfrüht erscheinen, kann dieser großartige technologische Fortschritt nur mit einer international einstimmigen Regulierung und unter Einhaltung ethischer Grundsätze ein langfristiger Segen und kein Fluch sein.

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